Wenn eine Innenstadt wie die von Thun lebendig bleiben soll, sind alle gefragt: Jene, die Immobilien besitzen, Mieterschaft und Behörden. Matchentscheidend ist das Verhalten der Bevölkerung.
Er ist 37-jährig, ausgebildet als Hochbauzeichner, Techniker und Immobilienbewerter. Er ist Teil des Teams, das bei der Müller & Müller Immobilien AG in der Thuner Innenstadt rund 20 Liegenschaften bewirtschaftet. Zudem hat er mit seiner Müller & Müller Architektur und Immobilien AG zahlreiche Umbauten und Sanierungen in der historischen Altstadt von Thun umgesetzt. Carlo Müller weiss, worauf es ankommt, wenn man im Herzen von Thun an einem historischen Gebäude Hand anlegt.
Carlo Müllers Vater Christian ist der Bruder von Hans-Ulrich Müller, der mit seiner Bernapark AG unter anderem Besitzer der Schlossberg Thun AG oder des Zunfthaus zur Metzgern ist. Die Müller & Müller Immobilien AG selber ist seit rund 40 Jahren in Thun präsent.
Am Dienstagabend stand Carlo Müller im ThunCity-Talk vor rund 60 Gästen im Hotel Aare Red und Antwort; eingeladen hatte die ThunCity-Genossenschaft. Die zentrale Frage des Abends: Was braucht die Thuner Innenstadt, damit sie langfristig attraktiv und lebendig bleibt – und welchen Beitrag können Eigentümer dazu leisten?
«Wenn Liegenschaftsbesitzer, Mieterschaft und Behörden Hand in Hand arbeiten, können tolle Sachen entstehen», sagte Carlo Müller. Auch wenn es manchmal mehrere Anläufe brauche. «Auch wir haben mit unseren Anliegen bei der Denkmalpflege nicht gleich beim ersten Versuch durchdringen können.»
Gleichzeitig nahm er die Bevölkerung in die Pflicht: «Nur wenn die Menschen in die Stadt strömen und die vielfältigen Angebote nutzen, bleibt die Stadt lebendig», sagte er. Mit seinen Parkhäusern, dem belebten Mühleplatz und den Einkaufsgassen habe Thun «alle Voraussetzungen um erfolgreich zu bleiben.»
Als «anspruchsvoll» bezeichnete Carlo Müller den regulatorischen Rahmen: Viele Vorgaben beim Bau, ein enges Korsett für die Banken bei der Finanzierung von Gewerbeliegenschaften: Dass manche Immobilienbesitzer zu scheitern drohen – oder eine Sanierung oder einen Umbau gar nicht erst in Angriff nehmen – könne er nachvollziehen. Deshalb wünscht er sich, dass Umnutzungen – Büro zu Wohnen, Laden zu Gastro als zwei von vielen Beispielen – einfacher möglich werden. «Damit könnten Liegenschaftsbesitzer flexibler reagieren.» Die Familie habe beispielsweise gute Erfahrungen gemacht mit der teilweisen Umnutzung von Ladenflächen für kleine Wohnungen. «An zentraler Lage sind solche sehr gefragt», sagte Müller.
Gewerbliche Mieterinnen und Mieter seien derweil gefordert, Konzepte und Geschäftsmodelle laufend an neue Gegebenheiten und Trends anzupassen. «So kann man anstehende Veränderungen – Erweiterung oder Reduktion von Mietflächen, neue Modelle mit Shop-in-Shop-Lösungen oder ähnlichem – frühzeitig erkennen und mit der Eignerschaft besprechen.» Diese können, so Müller, wiederum mit flexiblen Modellen wie Kurzzeitmieten oder Mieten auf Probe den nötigen Rahmen gestalten, um neue Ideen am Markt zu testen.
Für Carlo Müller ist auch denkbar, dass der Staat den Wandel vom stationären Handel zum Online-Handeln regulierend begleitet. «Wer einen Laden betreibt, hat Kosten, die ein Onlinehändler nicht hat – und bietet einen Service, den ein Onlinehändler nicht bieten kann», sagte Müller. «Ich kann mir vorstellen, dass es Sinn machen könnte, reine Online-Händler entweder dazu zu brin-gen, eine Laden-Präsenz aufzubauen oder stattdessen eine Art Gebühr zu erheben, mit der dann wiederum stationäre Angebote gefördert werden könnten.»


v.l.n.r. Samuel Bleuer, CASA Immobilie AG und Präsident ThunCity / Carlo Müller, Müller & Müller Architektur und Immobilien AG / Marco Zysset, zysset.li (Moderator) / Ursula Flück-Arbeiter, Geschäftsführerin ThunCity im Hotel Aare und in der Galerie Boutique Bar bei Gage Plecic
Fotografie: Pascale Regez